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Wer Geschichte des Expressionismus verstehen will, darf nicht bei den Werken stehenbleiben, sondern muss die sozialen Konstellationen untersuchen, die sie erst ermöglichten. Roland Scotti unternimmt in diesem Werk eine kulturhistorische Exhumierung, indem er die komplexe Konstellation zwischen Ernst Ludwig Kirchner, seiner Lebensgefährtin Erna Schilling und der bislang fast unsichtbaren Elsa Bosshart-Forrer analysiert.
Der Titel verweist auf jene lückenhafte Überlieferung, die Frauenfiguren systematisch an den Rand drängt, sobald sie nicht in das einfache Raster der Muse oder des Modells passen. Elsa Bosshart-Forrer entzieht sich dieser Kategorisierung; sie war eine intellektuelle Instanz und ein sozialer Anker für das in Davos isolierte Künstlerpaar.
Scotti, flankiert von einem Epilog Bettina Gockels und einem Nachruf von Rolf Bossart, liest die verbliebenen Spuren nicht als Anekdoten, sondern als Symptome von Geschichtsschreibung, die das Private vom Politischen zu trennen versucht und dabei das Wesentliche verliert. Es geht hier um die Mechanismen des Vergessens und die mühsame Arbeit der Erinnerung.
Indem der Autor die Biografie in den Kontext der Zeitgeschichte zwischen 1923 und 1938 stellt, entsteht das Porträt einer Frau, die im Schatten der Männer lebte, aber ohne die das Spätwerk Kirchners in dieser Form kaum denkbar gewesen wäre. Dieses Buch füllt nicht nur eine biografische Lücke, es hinterfragt Deutungshoheit einer Disziplin, die ihre eigenen blinden Flecken viel zu lange ignoriert hat.
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