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Es gibt Kunstwerke, die ihre eigene Geschichte lügen, solange man sie nur von einer Seite betrachtet. Marcello Rechbergers Studie widmet sich einem solchen phänomenologischen Grenzfall, indem er die materielle Dualität von Giacomo Ballas Gemälde als Symptom einer verdrängten Epoche deutet. Während die Vorderseite die futuristische Obsession mit Geschwindigkeit und Abstraktion feiert, dokumentiert die verborgene Rückseite die Anbiederung an das Mussolini-Regime der 1930er Jahre.
Diese Untersuchung, die als zweiter Band der von Wolfgang F. Kersten herausgegebenen Reihe Kunst- und Zeitgeschichte erscheint, leistet eine fast forensische Arbeit am Objekt. Sie zeigt auf, dass die Neutralisierung der Kunst im Museumssaal oft einer politischen Amnesie gleichkommt. Rechberger begnügt sich nicht mit einer formalen Analyse, sondern rekonstruiert die Provenienz und die strategischen Wendungen Ballas, der sich zwischen Avantgarde und Opportunismus bewegte.
Das Buch argumentiert gegen die bequeme Illusion einer reinen Moderne und fordert Kunstgeschichte, die auch die schmerzhaften Narben ihrer Objekte freilegt. Es ist ein Plädoyer für das tiefe Verstehen jener Verflechtungen, die heute oft hinter weißen Museumswänden verschwinden. Wer diesen Band liest, wird die glatten Oberflächen des Futurismus nicht mehr ohne das Wissen um ihre dunkle Grundierung betrachten können.
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