-
Wer sich dem Spätwerk Kirchners nähert, stößt oft auf die glatte Oberfläche der Kanonisierung, doch diese Edition bricht das Schweigen der Archive auf radikale Weise. Roland Scotti unternimmt hier weit mehr als eine philologische Übung; er rekonstruiert die psychologische Topografie einer Überlebensgemeinschaft in den Schweizer Alpen.
Der Briefwechsel zwischen dem Ehepaar Kirchner und Elsa Bosshart-Forrer fungiert als Seismograph jener Erschütterungen, die den Künstler in den Jahren zwischen 1923 und 1938 erfassten, von der morphiumbedingten Krise bis zur politischen Isolierung am Vorabend des Krieges.
Dass diese Edition jedes Schreiben als vollständiges Faksimile präsentiert, ist eine methodische Entscheidung von höchster Relevanz, denn Kirchners nervöse, dynamische Handschrift ist untrennbarer Teil der Botschaft. Hier wird das Zögern und Drängen der Feder lesbar, wodurch der Text seine abstrakte Informationsfunktion verliert und zum psychogrammatischen Dokument wird.
Indem Scotti diese Quellen mit präzisen Transkriptionen und Kommentaren flankiert, rehabilitiert er Elsa Bosshart-Forrer nicht nur als Adressatin, sondern als intellektuelle Akteurin, deren Einfluss in der männlich dominierten Rezeption bisher getilgt wurde. Es ist eine längst überfällige Korrektur, die beweist, dass die Geschichte der Moderne ohne ihre weiblichen Resonanzräume unvollständig bleibt.
-