Das Ende der Makulatur

Symbolbild: Digitale Buchproduktion und Logistik für die Schweiz, Österreich und Deutschland. Eine moderne Druckstrasse verschmilzt mit einem hocheffizienten Datenstrom und Logistikzentrum.

Von der Vorratshaltung zur Just-in-Time-Kultur: Wie eine Allianz aus Logistik und Digitaldruck das verlegerische Risiko und die ökologische Bilanz in der DACH-Region neu definiert.
Von Walther Fuchs

Der Buchmarkt im deutschsprachigen Raum, so scheint es oft, ist eine Branche, die den Fortschritt vor allem zwischen ihren Buchdeckeln feiert, ihn in der eigenen Produktion jedoch lange Zeit eher zögerlich begrüsste. Seit den Tagen Gutenbergs basierte das Geschäft mit dem gedruckten Wort auf einer riskanten Wette: der Auflage. Verleger in der Schweiz, Österreich und Deutschland mussten schätzen, wie viele Leser ein Werk finden würde, Papier kaufen und die Ware in riesigen Hallen zwischenlagern.

Das Ergebnis dieser spekulativen Ökonomie ist ein trauriger Friedhof aus Papier: Jedes Jahr werden Millionen ungelesener Bücher vernichtet – die sogenannte Makulatur. Es ist ein System der geplanten Verschwendung, das unter dem Druck steigender Rohstoffpreise und fragiler Lieferketten zunehmend kollabiert.

Doch im hessischen Bad Hersfeld, dem logistischen Epizentrum für den gesamten DACH-Raum, hat eine stille Revolution ihren Betrieb aufgenommen. Hier wird das Buch nicht mehr auf Vorrat produziert, sondern auf Bestellung – und zwar in einer Qualität, die die Grenzen zwischen klassischem Offsetdruck und digitaler Fertigung endgültig verwischt. Unter dem Namen PLUREOS haben der Logistik-Riese Libri und BoD eine Allianz geschmiedet, die weit mehr ist als ein blosses Druckzentrum. Es ist die Grundsteinlegung für eine neue, liquide Buchkultur.

Die Überwindung der materiellen Trägheit

Wer die Werkshallen betritt, sieht keine staubigen Regale, sondern hochmoderne Fertigungsstrassen. Mit dem jüngsten Ausbau im September 2025 wurde die Kapazität durch neue Canon varioPrint iX3200-Systeme massiv gesteigert. Es geht hier nicht mehr um das nostalgische Handwerk, sondern um industrielle Hochleistung. 50.000 Bücher können täglich die Anlage verlassen.

Die wahre Innovation ist die Verschmelzung von Produktion und Distribution. In einem herkömmlichen Modell vergehen zwischen dem Nachdruck eines vergriffenen Titels und seiner Ankunft im Buchladen oft Wochen. In Bad Hersfeld ist ein Paperback in weniger als zweieinhalb Stunden versandfertig. Durch die direkte Einspeisung in die automatisierten Taschensorter der Libri-Logistik entfällt jeder Zeitverlust – ein entscheidender Vorteil für die grenzüberschreitende Belieferung.

Ökonomie der Vernunft: Nachhaltigkeit ohne Pathos

In der aktuellen Debatte wird Nachhaltigkeit oft als ein moralisches Extra behandelt. PLUREOS beweist das Gegenteil: Hier ist die ökologische Bilanz ein direktes Derivat ökonomischer Vernunft. Die nachhaltigste Form der Produktion ist jene, die Überproduktion vermeidet. In einer Branche, die traditionell unter hohen Remittendenquoten leidet, ist das „Drucken nach Bedarf“ das einzig schlüssige Geschäftsmodell der Zukunft.

Unterstützt wird dieser Kurs durch die Verwendung von FSC-zertifiziertem Papier sowie die Reduktion von Transportwegen. Die Absage an die Verschwendung von Ressourcen erfolgt hier nicht aus ideologischem Antrieb, sondern aus struktureller Notwendigkeit. Die ökonomische Logik zwingt zum Umdenken.

Demokratisierung des Longtails

Die strategischen Implikationen für die Verlagslandschaft sind immens. Bisher war die Vielfalt des Marktes durch die Kosten der Lagerhaltung begrenzt. Nischentitel, wissenschaftliche Fachbücher oder Lyrikbände verschwanden oft vom Markt, sobald die erste kleine Auflage verkauft war, weil ein Nachdruck finanziell zu riskant erschien.

Das System garantiert die dauerhafte Verfügbarkeit von Wissen und Erzählungen, unabhängig von ihrem unmittelbaren Verkaufserfolg. Ein Titel mit minimaler Nachfrage bleibt so rentabel wie ein Bestseller. Diese Verfügbarkeitsgarantie schützt die kulturelle Vielfalt und stärkt insbesondere den stationären Buchhandel in der gesamten Schweiz und Österreich.

Fazit: Das Wagnis der Freiheit

Die Kooperation von Digiboo mit dem PLUREOS-Projekt ist daher mehr als eine technische Entscheidung. Es ist ein Bekenntnis zu einer Verlagsstrategie, die sich vom Diktat der physischen Masse emanzipiert hat. In einer Zeit, in der die Aufmerksamkeitsökonomie immer kurzlebiger wird, ist die Fähigkeit, jedes Buch jederzeit verfügbar zu haben, die einzig wirksame Antwort.

In Bad Hersfeld wird das Versprechen eingelöst, dass die Idee hinter dem Buch niemals mehr an der Logistik scheitern muss. Das Buch ist vom Lager befreit – und mit ihm der Mut der Verleger, auch das Unwahrscheinliche zu publizieren.

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