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Wer sich dem Phänomen Urs Plangg nähert, muss die linearen Erzählweisen klassischer Künstlerbiografie verlassen und sich auf ein Geflecht aus Widersprüchen einlassen. Der Beiname »der Heilige Scheisser« deutet bereits auf die zentrale Spannung hin, die diesen Band durchzieht: die radikale Konfrontation von hoher Geistigkeit und kreatürlicher Notwendigkeit.
Die hier versammelten Beiträge nehmen diese Dualität ernst und nutzen den interdisziplinären Ansatz als methodischen Schlüssel, um Plangg nicht als isolierten Exzentriker, sondern als Symptom und Kritiker seiner Zeit zu lesen. Dabei wird deutlich, dass seine Kunst als Korrektiv in einer Gesellschaft fungierte, die dazu neigt, ihre eigenen Abgründe zu verdrängen.
Die Autoren analysieren die subversive Kraft des Grotesken in Planggs Schaffen und verorten ihn in einer Tradition, die Wahrheit dort sucht, wo es schmerzt oder irritiert. Dieses Buch ist eine Einladung, den Blick für die Risse in der kulturellen Fassade zu schärfen und zu begreifen, dass die wahre Relevanz eines Künstlers oft erst jenseits der ästhetischen Gefälligkeit beginnt.
In einer Verlagslinie, die sich der tiefenbohrenden Kulturanalyse verschrieben hat, steht dieses Werk exemplarisch für den Mut zur Lücke im Kanon. Es ist eine Lektüre für jene, die Zeitgeschichte nicht als Abfolge von Daten, sondern als Auseinandersetzung mit den idiosynkratischen Figuren einer Epoche verstehen.
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André Blum & Alexandre Métraux