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Literaturgeschichte des Zürichsees ist reich, doch selten findet sich an einem einzigen Ort eine solche Konzentration unterschiedlicher Stimmen wie in Küsnacht. Dieses Buch unternimmt eine literarische Kartografie, die zeitliche und stilistische Grenzen überschreitet, um den Genius Loci greifbar zu machen.
Das Spektrum reicht von den historischen Schwergewichten wie Conrad Ferdinand Meyer und dem Nobelpreisträger Thomas Mann, dessen Schatten noch immer über dem Ort liegt, bis hin zur analytischen Schärfe eines Max Frisch oder den archetypischen Welten von C. G. Jung. Doch die Herausgeber weiten den Blick bewusst: Sie stellen diesen Titanen die feinsinnige Prosa und Lyrik von Albin Zollinger, Meinrad Lienert und Ursula Isler zur Seite und lassen die jiddische Poesie von Lajser Ajchenrand erklingen.
Der Band zeigt auf, dass Küsnacht stets ein Ort der Vielstimmigkeit war. Hier treffen die zeitgenössischen Erzählweisen von Melinda Nadj Abonji, Jürg Acklin und Michèle Minelli auf die lyrischen Verdichtungen von Lea Gottheil, Johanna Lier und Renate Muggli. Auch die feinen Beobachtungen von Hannelore Fischer und Richard Weiss finden ihren Platz neben der weltläufigen Melancholie einer Judith Kerr.
Durch die atmosphärischen Illustrationen von Clément Soulmagnon wird diese Anthologie zu mehr als einer bloßen Textsammlung; sie ist eine ästhetische Spurensuche. Wer dieses Buch liest, begreift die Gemeinde nicht mehr als Postleitzahl, sondern als Bühne, auf der sich über Jahrhunderte hinweg ein Dialog zwischen Heimat und Exil, zwischen Psychologie und Poesie entspann.