Wie Teslas KI Saussures Linguistik neu belebt: Ein Strukturalismus der Maschinen?

Ferdinand de Saussure (1857–1913), der Schweizer Linguist und Begründer der modernen Sprachwissenschaft, lehrte in Paris und Genf und entwickelte Theorien zu Zeichen und Bedeutungen, die heute Parallelen zur dynamischen Lernweise von KI-Systemen wie Teslas Autopilot aufzeigen – ein Kontrast zwischen festem Sprachsystem und fließender, datenbasierter 'Grammatik'.

Von Walther Fuchs

Elon Musk hat kürzlich eine faszinierende Beobachtung geteilt, die auf den ersten Blick rein technischer Natur scheint: Teslas künstliche Intelligenz lernt, Autos, Schilder oder Fussgänger zu erkennen, indem sie Millionen von Videos anschaut – ohne dass ihr vorher jemand erklärt hat, was diese Dinge ontologisch «sind». «Photonen rein, Steuerung raus», nennt Musk diesen Prozess lakonisch.

Doch für uns Historiker und Sprachliebhaber verbirgt sich hinter diesem Satz eine Revolution, die frappierend an die Theorien des Genfer Linguisten Ferdinand de Saussure erinnert. Was hat ein selbstfahrendes Auto im Silicon Valley mit einem Schweizer Professor aus dem frühen 20. Jahrhundert zu tun? Und warum müssen wir unsere Vorstellung von «Bedeutung» vielleicht radikal überdenken?

Der Genfer, der die Sprache zerlegte

Um die Parallele zu verstehen, müssen wir einen Blick zurückwerfen. Ferdinand de Saussure (1857–1913) gilt als Urvater der modernen Linguistik und des Strukturalismus. Vor ihm betrachtete man Sprache oft als eine historisch gewachsene Sammlung von Namen für Dinge. Saussure brach damit. In seinen Vorlesungen in Genf lehrte er, dass Sprache ein System von Zeichen ist.

Sein Kern-Gedanke: Ein sprachliches Zeichen besteht aus zwei untrennbaren Seiten – dem Lautbild (signifiant) und der Vorstellung (signifié). Das Wort «Hund» hat nichts mit dem bellenden Vierbeiner an sich zu tun; die Verbindung ist willkürlich. Sie funktioniert nur, weil sie Teil eines festen Systems ist, einer Struktur, in der sich «Hund» von «Katze» oder «Wolf» abgrenzt. Bedeutung entsteht durch Differenz innerhalb eines Regelwerks.

Teslas «Photonen» als neues Signifiant

Hier kommt Musk ins Spiel. Die Art und Weise, wie moderne neuronale Netze (wie Teslas «Full Self-Driving»-Software) lernen, bricht mit der klassischen Programmierung – und paradoxerweise auch mit dem klassischen Saussure’schen Strukturalismus.

Früher haben Programmierer dem Computer Regeln beigebracht: «Wenn du ein rotes Achteck siehst, dann ist das ein Stoppschild.» Das war wie klassische Grammatik: Es gab ein Wörterbuch und feste Regeln. Musks KI arbeitet anders: Sie bekommt kein Regelbuch. Sie bekommt nur rohe Daten – «Photonen» (die Pixel der Videokameras). Das ist das Signifiant. Durch das Beobachten von Milliarden von Fahrsituationen verknüpft das System dieses visuelle Rauschen mit einer Handlung («Bremsen»). Die Handlung ist das Signifié.

Der Unterschied: Lernen ohne Lehrer

Das Revolutionäre – und zugleich Unheimliche – daran ist der Weg dorthin. Saussures Sprachsystem war statisch und gesellschaftlich vereinbart. Wir alle haben uns geeinigt, was «Hund» bedeutet. Die KI hingegen «erfindet» ihre eigene Grammatik. Sie baut sich ein internes Modell der Welt, das wir Menschen oft gar nicht mehr nachvollziehen können. Sie lernt wie ein Kind, das in eine fremde Sprachumgebung geworfen wird: Niemand erklärt ihm die Vokabeln, es muss die Muster («Wenn Papa diesen Laut macht, gibt es Essen») selbst erkennen.

Das führt zu einer spannenden philosophischen Frage, die auch Saussure interessiert hätte: Braucht Bedeutung überhaupt ein bewusstes Verständnis? Die Tesla-KI «weiss» nicht, was ein Stoppschild ist. Sie hat kein Konzept von Verkehrsrecht. Aber sie verhält sich korrekt. Ist das bereits Sprachverständnis? Oder nur eine hochkomplexe Papageien-Nachahmung?

Warum das Sprachinteressierte fesselt

Für uns öffnet sich hier ein neues Feld: Der «Maschinen-Strukturalismus».

  • Bedeutung im Fluss: Saussure lehrte uns, dass Bedeutung fest im System verankert ist. Die KI zeigt uns nun, dass Bedeutung extrem fluide sein kann. Ein Stoppschild «bedeutet» für die KI nur dann etwas, wenn es in einem Kontext steht, der für das Fahren relevant ist.

  • Die Black Box: Während Saussure die Sprache transparent machen wollte, wird die Sprache der Maschinen undurchsichtiger. Wir wissen, dass das Auto bremst, aber wir wissen oft nicht genau, welches Pixelmuster im neuronalen Netz diese Entscheidung ausgelöst hat.

Fazit: Eine neue Lesart der Welt

Teslas «Photonen rein, Steuerung raus» ist mehr als ein technischer Slogan. Es ist der Beweis, dass komplexe Zeichensysteme auch ohne menschliches Zutun entstehen können. Ferdinand de Saussure hätte vermutlich gestaunt: Seine Idee, dass Bedeutung aus der Struktur entsteht, lebt weiter – aber die Struktur wird heute nicht mehr in Genfer Hörsälen definiert, sondern von Serverfarmen errechnet.

Vielleicht stehen wir an der Schwelle zu einer Zeit, in der Mensch und Maschine beginnen, eine gemeinsame, neue Grammatik zu schreiben. Für uns als Verlag und Historiker bleibt die Aufgabe, diese Entwicklung nicht nur zu bestaunen, sondern sie kritisch zu begleiten und einzuordnen.

Zurück
Zurück

Der Digiboo Verlag im neuen Gewand

Weiter
Weiter

Der Verfall der Bücher – Adornos Kritik aus dem Jahr 1959 und ihre Aktualität heute